All diese Menschen. Sie hatte vergessen, wie es war, Teil der morgendlichen Flut von Pendlern zu sein, die ihrem Arbeitsort entgegenströmten wie Materie zu einem schwarzen Loch. Für viele mochte die Arbeit tatsächlich ein solches schwarzes Loch sein, dass alle Energie, Motivation und Freude aufsaugte und nichts oder nicht viel zurückgab. Aber Cindy gehörte zur raren Spezies, die ihren Job liebte; als Angestellte der Kriminalpolizei ermittelte sie Mordfälle. 

Einige Leute hatten ihr einreden wollen, dass dies nichts für Mütter sei, dass sie doch lieber etwas stressfreieres tun solle nach ihrem Mutterschutz. Von diesen sogenannten Freunden hatte sie sich schnell distanziert. 

Bei Ihrem Eintreten im Büro wurde das erwartete Trara gemacht. An ihrem Arbeitstisch standen frische Sonnenblumen, eine Schachtel Pralinen und ein alkoholfreier Prosecco. Sie beantwortete brav alle Fragen, zeigte stolz Speckgesichterfotos von ihrer niedlichen Tochter und liess die gesammelten Weisheiten der anderen Eltern über sich prasseln.  

Endlich nahm der Strom der Plaudertaschen ab und sie konnte das e-Dossier in ihrem Posteingang öffnen. Ihr erster Fall.  

Als Kriminalpolizistin hatte sie schon einiges gelesen, gesehen und erlebt. Sie kannte die dunklen Seiten der Menschen und wusste, dass jeder zu einem Täter werden konnte. Die meisten Verbrechen auf ihrem Tisch waren Stich- und Schusswaffen zuzuschreiben. Gift war schwierig nachzuweisen und flog selten auf. Dann gabs noch stumpfe Verletzungen, die zum Tod führten – meist auch ungewollt. In der Akte E-592.26 waren die Opfer jedoch ausgeblutet worden. Es gab schon 3. 

«Gruselig, oder?” Ihr Vorgesetzter Gabriel Hutter stand lässig gegen den Tisch vis à vis gelehnt.  

«Die Fälle gehen 4 Jahre zurück?”, fragte Cindy, die Akte konsultierend. 

«Ja. Der Täter hat das letzte Mal am Dienstag zugeschlagen. Du sollst bestätigen, dass es einen Zusammenhang gibt und es sich tatsächlich um einen Serienmörder handelt. Das wäre ein grosses Ding, wie du sicherlich weisst. Wir sind hier ja nicht in den USA, wo so was ständig passiert.”  

Also machte Cindy sich an die Arbeit. Sie verglich Daten, besuchte Tatorte, sah Stunden von Verhöraufnahmen und Gesprächsaufzeichnungen mit Angehörigen. Dazu kamen die Berichte der Gerichtsmediziner.   

Ihren Schlussbericht lud sie im AI-Detektiv hoch, um die Daten zu validieren. Erst als sie von ihm das grüne Licht bekam, ging sie zu ihrem Chef. «Es ist eine Serientat. Obwohl natürlich die Chance besteht, dass ein Nachahmungstäter da mitmischt, aber da die Presse nicht über die Einzelheiten berichtet hat, ist die Wahrscheinlichkeit relativ klein.” 

Hutter seufzte tief. «Dann weisst du ja, was als nächstes kommt.” 

So fand sich Cindy vor ihrem Computer wieder, das Dashboard des AI-Detektiven auf dem Schirm.  Sie öffnete die Akte E-592.26 und startete den nächsten Prozessschritt: <Ermittle Verdächtige>.  Als gute Kriminalpolizistin hatte sie die Profile schon im Kopf. Aber es war Protokoll den AI-D zu fragen. Tatsächlich hatten sie 2 Übereinstimmungen. Doch es war das 3. Profil das ihre Aufmerksamkeit auf sich zog, einfach, weil es so unwahrscheinlich war. Nadia Becker Mutter von Fünflingen und deswegen ganz kurz in der Presse vor einigen Jahren.  

Cindy sah sich die Daten genauer an und tatsächlich, Becker hatte Verbindungen zu jedem Tatort, jedoch nicht zu den Opfern.  

«Das ist mir zu dünn. Konzentriere dich auf deine Verdächtigen, die Verbindungen zu den Opfern haben”, wies Hutter sie an. 

Die folgenden Tage interviewte sie die Verdächtigen. Stundenlang verbrachte sie in dem kleinen Verhörzimmer, aber sie konnte das ignorierte Profil nicht vergessen. 

Als sie mit den Männern nicht weiterkam, bat sie ihren Chef darum, die Mutter einzuladen. «Der Vollständigkeit halber.” 

Hutter stimmte zu, weil alles besser war, als keine Antworten zu haben. Zumal die Presse Wind von der Sache erhalten hatte. 

Cindy entschied sich Nadia Becker nicht ins karge Verhörzimmer zu zitieren, sondern traf sie in einem gemütlich eingerichteten Zimmer mit Couch, Zimmerpflanzen und Nespresso Maschine.  

Nadia war eine blasse Gestalt , aber die Kriminalpolizistin verurteilte sie nicht für die ungeschminkten Augenringe. «Mich bringt schon ein Kind ans Limit, ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es mit 5 ist.” 

Nadia liess einen Laut hören, der halb Schluchzen, halb Lachen war. «Wissen Sie, alle finden sie immer so niedlich, wenn wir unterwegs sind. Aber manchmal würde ich sie am liebsten am Bahnhof aussetzen.” Cincy nickte mitfühlend. Sie kannte diese Momente und das spürte Nadia. Vielleicht öffnete sie sich ihr gegenüber deshalb.  

Es gab einen Grund, warum Cindy ihren Job liebte. Sie war gut. Es fiel Menschen einfach, Zugang zu ihr zu finden und sich ihr anzuvertrauen. Am Ende vergassen die meisten Täter, dass sie einer Kriminalpolizistin gegenüber sassen. Das schaffte der AI-D nicht.  

Nach 4 Stunden  hatte sie deshalb das Geständnis. Hutter musste sich erst mal setzen. «Das hätte ich so nie kommen sehen. Sie ist so unscheinbar!” 

«Unterschätze nie die Dunkle Seite, auf der sich eine Mutter in einem schlechten Moment widerfinden kann.” 

Die Presse liebte die Geschichte natürlich. Irgendein Journalist gab ihr den Namen: die Vampirin.  

Der Fall liess Cindy nicht los. Vor allem deswegen, weil das Motiv während des gesamten Prozesses unscharf geblieben. Aber da sie ein Geständnis hatten, kümmerte das die Staatsanwaltschaft wenig.  

Nach dem Urteil machte sich Cindy deshalb zu einem letzten Besuch auf. Sie sprachen oberflächlich, höflich, bis ihr endlich die Frage herausrutschte: «Warum haben Sie es getan? Warum die Morde?” 

Nadia blieb ruhig und die Kriminalpolizistin glaubte schon, dass keine Antwort mehr kommen würde, als sie flüsterte: «Sie haben mir den falschen Namen gegeben. Ich bin keine Vampirin. Ich bin eine Mücke.” 

Mehr sagte sie nicht. 

Der Satz schwirrte in Cindys Kopf herum. Zurück am Arbeitsplatz, als sie die Akte schliessen wollte, erstellte sie einen letzten Kommentar: «Täterin sieht sich als Mücke. Mir erschliesst sich der Zusammenhang nicht. Hast du eine Idee?” 

AI-D schrieb einen kurzen Kommentar unten hin: »Entgegen dem häufigen Irrglauben, dass alle Mücken stechen, stechen nur weibliche Stechmücken. Mit Hilfe eines spezialisierten Mundwerkzeuges durchstechen sie die Haut ihres Wirtes und Saugen Blut. Die Nährstoffe, die mit der Blutmahlzeit aufgenommen werden, sind für die Produktion der Eier essentiell. Die Täterin hat Kinder oder? 

Cindys Blick viel auf das alte Pressefoto der frischen Mutter mit ihren rosigen Fünflingen. Und plötzlich erschloss sich ihr das Motiv.

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