«Und der diesjährige Oscar für den besten Schauspieler in einer Hauptrolle geht an…» Sie machte es spannend. Selbst das Öffnen eines Umschlags war bei dieser Frau eine Show. «Mick Henson!»

Polternder Applaus erklang. Er stand auf, lächelte zu allen Seiten und ging mit durchgestrecktem Rücken zur Bühne. Er nahm die goldene Figur entgegen und stellte sich hinters Mirko. «Wow», sagte er. «Das ist der Wahnsinn, ich weiss gar nicht, was ich sagen soll.» Der Lacher sass. «Also erst einmal möchte ich allen danken, die mich unterstützt haben…» Die Musik erklang. Was sollte das denn jetzt? Es war doch noch viel zu früh! Er sprach weiter, doch die Musik wurde immer lauter, bis er schliesslich seine eigene Stimme nicht mehr hören konnte.

Er schlug die Augen auf. Schwaches Licht drang durch die Jalousien ins Schlafzimmer. Draussen klopfte der Regen auf den Fenstersims. Er blinzelte einige Male, seufzte leise. Ein Traum. Natürlich war das alles nur ein Traum. Die einzige Person, die der das vielleicht passieren würde, war sie. Er drehte sich zu ihr um und sah sich ihr Gesicht an. Ihre vollen Wangen, ihr spitz zulaufendes Kinn, das blonde Haar. Das, gepaart mit einer leicht kindlichen Ausstrahlung und einem Blick der geradezu «Beschütz mich!» schrie, machte sie unwiderstehlich. Nicht nur für ihn, auch für die Millionen von Männern, die wegen ihr in die Kinosäle strömten.

Auf den roten Teppichen von Los Angeles, New York, London, Paris, Berlin und den anderen grossen Metropolen der Welt schrien sie ihren Namen. Die Journalisten rissen sich regelrecht um sie, ebenso wie die Regisseure, Produzenten und Studios. Schauspieler jeder Klasse rissen sich darum, ihr auch nur einmal zu begegnen.

Und wo blieb er in dieser ganzen Szenerie? Er war ihr Co-Star, wie sie das so schön nannten. Der ewige Zweite. Seit er die Schauspielschule verlassen hatte, bekam er immer nur die Nebenrollen. Manch einer hätte ihm Glück nachgesagt, besass er doch das Privileg, neben ihr in einer so grossen Produktion zu erscheinen. Doch niemanden interessierte es. Wo er auch hinging war immer nur die Rede von Camille, Camille, Camille.

Er streckte die Arme durch und gähnte. Sein Blick wanderte von Camilles Gesicht zur Wand. Er blinzelte noch einmal. Einige winzige, braunrote Flecken prangten über dem Kopfende des Bettes. Waren die gestern Abend auch schon da gewesen? Er blinzelte noch einmal, rieb sich die Augen und ging näher hin, um sich die Verunreinigungen genauer anzusehen. Es war rot. Ein bisschen sah es aus wie… Blut, schoss es ihm durch den Kopf. Viele, kleine blutrote Flecken. Aber wie war das möglich? Wahrscheinlich hatte sie irgendwann einmal etwas verschüttet. Warum war ihm das gestern noch nicht aufgefallen? Er schüttelte die Gedanken ab und legte sich wieder hin.

Es klingelte an der Tür. Er überlegte kurz, ob er öffnen sollte, als bereits heftiges Klopfen folgte. Camille schlief immer noch tief und fest.

«Ms. Firestone? Ms. Firestone, sind Sie Zuhause?»

Mick gähnte und raffte sich auf. Camille schien den ganzen Lärm nicht einmal wahrzunehmen.

«Polizei! Öffnen Sie bitte die Tür!»

«Was?» Er wusste, dass ihn niemand hörte, aber das war ihm egal. Was sollte das heissen, Polizei? Was war denn los, Mensch?

Er kämpfte sich hoch und schlurfte in den Flur hinaus.

Die Tür wurde eingeschlagen. Fünf bewaffnete Polizisten stürmten die Wohnung.

«Oh mein Gott, hey!», rief er.

«Gesicht an die Wand, Hände auf den Rücken!», rief einer der Polizisten, während zwei weitere ihn an die Wand drängten.

«Hey, was soll das Mann, darf ich mir wenigstens zuerst etwas anziehen?» Er trug nur seine Unterhose.

«Klappe!», sagte ein Polizist, während er ihm die Fesseln anlegte.

«Was ist denn los, Mensch?»

Er drehte den Kopf und erhaschte einen Blick auf das Schlafzimmer. Einer der Polizisten drehte Camilles Körper um. Ihre Bewegung wirkte schlaff und unkoordiniert. Auf ihrem Hals prangten zwei grosse, rote Punkte. Einstichwunden, dachte Mick. Er zwang sich, wegzusehen. Sein Atem ging heftig, sein Herz pochte. «Scheisse», murmelte er vor sich hin.

Die Polizisten rissen ihn herum und zwangen ihn, hinzusehen.

«Scheisse, was ist das?», rief er. Panik stieg in ihm hoch. Was zur Hölle ging hier vor?

«Können Sie das erklären?», fragte der Polizist, der Camille herumgedreht hatte.

«Scheisse, natürlich nicht! Ich bin genauso überrascht wie Sie!»

Der Polizist nickte hämisch. Er glaubte ihm nicht. Logisch. Es musste ja auch aussehen, als ob er… Bevor er den Gedanken beenden konnte, sagte der Polizist: «Mick Henson, wir nehmen Sie wegen Mordes an Camille Firestone fest. Alles, was sie ab jetzt sagen, kann vor Gericht gegen Sie verwendet werden. Sie haben das Recht auf einen Anwalt. Helft ihm beim Anziehen!»

Mick starrte mit offenem Mund auf die Leiche, während die Polizisten ihm mit groben Stössen anzogen. Der eine löste die Handschellen kurz, hielt ihn jedoch fest ihm Griff. Er renkte ihm fast den Arm aus, als er in den Pullover schlüpfte. Sofort wurde er wieder gefesselt.

Vor dem Haus wartete bereits eine Meute von Paparazzi auf sie. Blitzlichtgewitter prasselte auf ihn hernieder. Reporter schrien ihm fragen entgegen. Die Polizisten machten nicht die geringsten Anstalten, ihn zu schützen, trieben ihn einfach vorwärts ins Auto. Die Tür wurde zugeschlagen. Das Blitzlichtgewitter ging weiter. So hatte er sich die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit nicht vorgestellt.