«Superhelden. Nur wenn ich das Wort schon höre, dann bekomme ich Magenkrämpfe. Wie sagen die Jungen heutzutage dazu? Bözzerwörd? Superheld ist auf alle Fälle zu einem solchen Bözzerwörd geworden. Heutzutage schimpft sich doch jeder Superheld. Dabei haben sie vergessen, worum es wirklich geht. Heute gilt nur noch als Superheld, wer in diesen sozialen Onlinegruppen ist. Wichtig ist nicht mehr die eigentliche Leistung sondern die Grösse der Anhängerschaft und wie viele Filme in die Kinos kommen – je mehr desto besser. Dein Kostüm ist wichtig. Dein Aussehen ist wichtig. Deine Herkunft und sexuelle Orientierung ist wichtig. Aber was wird tatsächlich noch geleistet? Wo sind die richtigen Helden, die diese Welt hier retten?

Merkt ihr denn nicht, dass wir dem schleichenden Zerfall anheim geworden sind? Es bräuchte eine Armee von Superhelden, um diesen Wandel aufzuhalten. Aber wirklich zusammenhalten, das können wir auch nur noch auf der Leinwand oder wenn die Leute es mitbekommen. Viele sagen, es sei bereits zu spät, dass wir den Punkt, von dem wir nicht mehr zurückkehren können, bereits überschritten haben. Mir ist es egal. Ich werde nicht mehr lange leben. Aber es tut mir im Herzen weh, was ihr mit diesem Planeten gemacht habt.

Ihr, damit meine ich diejenigen, die ein paar Generation nach mir kamen. Ihr, die ihr den Krieg nicht mehr erlebt habt. Für euch sind die zerbombten Städte und die hungernden Leute bloss beklemmende Bilder. Die Gräueltaten Anlass um beschämt die Augen abzuwenden. Einst wart ihr so voller Hoffnung und Liebe. Ihr habt für den Frieden getanzt und euch wild geliebt. Doch dann ist etwas passiert. Was genau habe ich nie herausgefunden. Ihr seid zu dem geworden, das wir alle gemeinsam gehasst haben. Schlimmer noch, ihr habt euch hinter hehren Absichten versteckt und so ist die Katastrophe nur allmählich aufgedeckt worden.

Einige junge Leute versuchen etwas zu bewegen. Sie erfinden wie die Wilden. Aber was nützt das, wenn die Strukturen immer noch die gleichen sind? Wenn sie ihre Visionen mangels Geld nicht umsetzen können?

Ich will damit nicht sagen, dass früher alles besser war. Doch den Leuten heute ist ihre Identität abhanden gekommen. Hinter all dem Kommerz stecken verlorene Seelen, die wissen, dass sie auf eine Klippe zulaufen wie eine Kolonie Lemminge. Und eure Superhelden? Die laufen eben auch mit, sind Teil des Schwarms, unter der Illusion, dass sie ihn anführen.

Ich kann euch allen nicht länger bei eurem schleichenden Tod zuschauen. In dieser Hinsicht bin ich ein Feigling. Im Krieg habe ich mitgekämpft, bin furchtlos durch den Kugelhagel gerannt und mutig durch den Schlamm auf den Feind zu gerobbt. Aber das hier, das kann ich nicht.

Mir ist gleich, ob ihr mich dafür verurteilt. Das kümmert mich nicht mehr. Doch anstatt mit mir solltet ihr euch lieber mit dem richtigen Problem beschäftigen. Ich wettere hier zwar, dass es nicht mehr möglich ist, sich vom Abgrund abzukehren. Allerdings muss ich die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass ich falsch liege. Vielleicht sind meine grauen Zellen einfach nicht mehr in der Lage eine Lösung zu sehen. Vielleicht wächst genau jetzt die nächste Generation Superhelden heran, die das Unmögliche schafft. Die wieder mehr aus ihnen macht als lediglich ein Bözzerwörd. Ich wünsche es mir sehr, denn der Gedanke spendet mir Trost.”

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«Pfff, so ein Spinner”, schnaubte der Kommissar.

Tim sah auf. Der Brief hatte ihn völlig in den Bann gezogen. Erst die Bemerkung seines Vorgesetzten zerrte ihn wieder in die Realität.

«Wenigstens hat er nur sich selbst abgemurkst.” Er warf einen Blick auf die Leiche, seine Miene genauso säuerlich wie seine Laune. Für ihn war dieser Fall ein gestörter Sonntagnachmittag.

Tim war neu im Job und zog es vor, diese Aussage besser nicht zu kommentieren. Die Wahrheit war, dass dieser Abschiedsbrief in ihm eine Beklemmung ausgelöst hatte. Diese gründete darin, dass er dem Alten in erschreckend vielen Punkten zustimmen musste. Auf dem gelben Papier waren Dinge in Worte gefasst, die ihn zwar auch beschäftigt hatten, er jedoch bisher nie hatte artikulieren können.

Er sah dem Kommissar zu, wie er aus der Wohnung stapfte und realisierte etwas: Sein Vorgesetzter war einer der Übeltäter. Eine graue Hülle mit einem kalten Herz, das Feuer der Hoffnung längst erloschen. Ihn kümmerte nicht, ob die nächsten Generationen es gut hatten. Hauptsache er hatte eine einfache Zeit bis er pensioniert wurde und konnte dann täglich in den Golfclub gehen, für den die Bauern ihr Land zu einem Spottpreis hatten hergeben müssen. Nein, so wollte Tim nicht werden. Er würde es versuchen. Er würde versuchen, dem einstigen Ideal des Superhelden wieder gerecht zu werden. Genug zu tun gab es ja.