Schauplatz:

Weit entfernt von der Erde kreisen die Zwillingsplaneten Chobe und Chazach um den Stern Deli.

An den Nachthimmeln wachen die Trabanten Is und Yr den Geschicken der Bewohner.

 

Chobe – Ihrene, Hauptstadt der Menschen

 

Das Windspiel aus weichen Hölzern und sorgfältig aufeinander gefädelten Steinchen bimmelte, als Gorek die Tür zum Grüner Oleander aufstieß. Eine Duftwolke aus verschiedensten Kräutern und Gewürzen schlug ihm entgegen. Er besuchte den Alchemieladen von Kassandra jedes Mal, wenn er in Ihrene haltmachte. Nicht nur besaß sie einige Gärten mitten in der Stadt und Land außerhalb der Stadtmauern, auch mit den Handelskarawanen unterhielt sie gute Beziehungen. Gorek brachte Kassandra von seinen Reisen immer einige seltenen Kräuter und Blumen mit. Dafür versorgte sie ihn mit allen Tränken, die er für seine Arbeit als Held benötigte.

«Gorek!» Kassandra machte einen Sprung hinter der Theke, rannte daran vorbei und umarmte den Helden. Er wirbelte sie herum, so dass ihr langer, brauner Zopf durch die Luft sauste und lachte dabei.

«Wie war deine Reise nach Malhendra?» Sie setzten sich an einen Tisch im hinteren Teil des Ladens, sprachen über Goreks Abenteuer und darüber, dass die Karawane von Ashek diesen Frühling noch nicht eingetroffen war. Schließlich wechselte Kassandra das Thema:

«Du, Nele vom Fröhlichen Fasan veranstaltet heute Abend ein Schnell-Kennenlernen.»

«Ein was?» Gorek hatte den Begriff noch nie gehört.

«Heiratswillige Kandidaten sitzen sich jeweils fünf Minuten gegenüber und haben Zeit, miteinander zu plaudern. Dann wechseln die Partner ab. Zum Ende schreibt man auf einen Zettel, wen man besser kennen lernen möchte. Wenn es eine Übereinstimmung gibt, werden die Teilnehmenden informiert.»

«Hmpf», meinte Gorek und fuhr sich durch die hellen, zerzausten Haare.

«Komm schon, seit Sindie hattest du keine feste Freundin mehr. Und außerdem bist du in deinen besten Jahren.» Kassandra lächelte.

«Ach, was soll’s.» Gorek wusste, dass er keine Chance hatte, Kassandra umzustimmen, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Er dachte nach. Das Leben als Held war nicht gerade das, was sich die Frauen von heute als zuverlässigen Partner wünschten. Gorek schnaubte. Wer, glaubten die denn, hielt ihre schönen Häuser in den Dörfern sicher? Irgendjemand musste ja die Drecksarbeit machen. Wenn er Glück hatte, waren es nur ein paar Wölfe und Bären, aber manchmal war auch dunkle Magie im Spiel. Untote, Ghule, Incubi … Sogar eine Zelle Nekromanten hatte er einmal ausgehoben. Davon zeugte eine große Narbe an seiner Schulter. Das Leben als Held war unsicher. Er würde nie wissen, ob er wieder zurück zu seiner Familie kommen würde.

 

Am selben Abend, das Schwert auf den Rücken gebunden, stand er vor der Taverne Zum fröhlichen Fasan. Zu seiner Waffe trug er ein leichtes Leinenhemd und passende Leinenhosen. Gorek seufzte.

Als er eintrat, wurde er von der Wirtin Nele begrüßt: «Toll, einen richtigen Helden haben wir auch!» Sie sagte es so laut, dass jede anwesende Dame es nicht überhören konnte.

Gorek schaute sich um. Es war schon ziemlich voll und es herrschte reges Stimmengewirr. Er sah die Roben von Magiern, eine Tunika der Juweliergilde, einen Schmied, den er kannte, dessen Frau vor einem Jahr gestorben war und einige andere Leute, die vermutlich Bauern waren oder hier in der Stadt ein Handwerk betrieben.

Nele begann: «Ihr habt alle eine Nummer, setzt euch an den entsprechenden Tisch. Nach fünf Minuten klingle ich mit der Glocke hier und diejenigen, die an den äußeren Kanten sitzen, rücken einen Tisch weiter.»

Gorek setzte sich an das erste Tischchen.

 

«Hallo, ich bin Mara», sagte die junge Frau vor ihm.

«Ich bin Gorek.»

Schweigend saßen Gorek und Mara sich gegenüber.

Die Glocke klingelte.

 

«Wie viele Drachen hast du getötet?» Die Stimme der Dame, die eine Stahlrüstung trug, war rau und forsch.

«Zwei.»

«Ich habe vier Drachen getötet!» Sie nahm einen großen Schluck aus dem Bierhumpen, der vor ihr auf dem Tisch gestanden hatte und schlug ihn so fest zurück, dass das Getränk überschwappte und Gorek in die Augen spritzte. «Wir können gemeinsam Drachen töten!»

«Und wer schaut zu den Kindern …?»

Sie stand auf und schrie Gorek an: «Kinder, was soll ich mit Kindern?»

Die Glocke klingelte.

 

Eine ätherische Blonde saß am Tisch. Sie trug die Roben einer Priesterin der Is.

«Sind Priesterinnen nicht …»

«Ja, fleischliche Gelüste interessieren mich nicht. Aber ich träume davon, mehr von der Welt zu sehen. Du hast starke Arme, um mich zu beschützen.»

«Eine Beziehung ohne …»

«Dafür kannst du in die Rote Kerze, solange ich nichts davon weiß.»

Gorek rieb sich die Schläfen.

Zum Glück klingelte Nele wiederum mit dem Glöckchen.

 

«Kassandra.» Gorek richtete sich auf. «Du hier?» Er roch den Duft von frischen Kräutern an ihr, der ihm so vertraut war.

«Ach Gorek. Auch ich fühle mich manchmal einsam, obwohl mir meine Pflanzen viel Freude bereiten.»

«Du bist wunderbar, warum hast du nicht schon längst eine Familie gegründet?»

«Weil es da jemanden Bestimmten gibt, den ich mag.» Kassandra senkte ihren Blick, ihre Wangen röteten sich. Sie fuhr fort zu sprechen, ohne Luft zu holen: «Jemand, der schon zwei Drachen getötet hat und dazu meine Feuerresistenz-Tränke benutzte. Ein sehr guter Kunde von mir.» Sie knetete ihre Finger und blickte nicht auf.

Gorek nahm Kassandras Hände in die seine, so dass sie den Kopf hob: «Das Leben als Held ist unsicher.»

«Das Leben als Ganzes ist unsicher.» Kassandra lächelte.

Nun lächelte auch Gorek.

Bevor der Held mit der Alchemistin die Taverne verließ, blickte er zurück zu Nele und sah, dass sie übers ganze Gesicht grinste.

Schreibt in verschiedensten Richtungen der Phantastik und bewegt sich im Grenzbereich zwischen Traum und Wirklichkeit.