Ich lehnte mich in meinem Sitz zurück, während die Sterne hinter den Fensterscheiben vorbeiflitzten. Der Wein im Glas vor mir schaukelte unter den kaum spürbaren Bewegungen des Raumschiffs leicht hin und her. Es war schon faszinierend: Wir rasten mit doppelter Lichtgeschwindigkeit durchs All und dennoch konnte man im Innern des Schiffs kaum etwas von den Kräften wahrnehmen, die auf uns wirkten. Die Stimmung im Restaurant war ausgelassen. Kaum jemand schenkte den Farben und Formen, die an uns vorbeizogen, irgendwelche Beachtung. Stattdessen wurde geredet, gegessen, gelacht und die letzten Stunden des Abends in vollen Zügen ausgekostet.

»Noch ein Schlückchen?«

Ich wandte meinen Blick von den Sternen ab und sah David an. Er hielt die Weinflasche hoch und schenkte mir ein verlegenes Lächeln. Ich lehnte dankend ab.

»Wie du meinst«, sagte er und schenkte sich selbst noch ein Glas ein. Ich beobachtete ihn neugierig. Er war ein hübscher Mann: dunkle Augen, helles Haar und eine stramme Kieferpartie. Als ich genauer hinsah, meinte ich sogar, einige Sommersprossen auf seiner Haut entdecken zu können.

Es war schwer zu beschreiben, wie glücklich und gleichzeitig nervös ich war. Ich hatte lange auf diesen Moment gewartet. Ein Date mit David Wayne – dem David Wayne! – war ein wahrgewordener Traum. Ich konnte die missbilligenden Blicke meiner Arbeitskolleginnen immer noch spüren, nachdem ich ihnen von seiner Einladung erzählt hatte. Es war mir egal, was die andern dachten. Ich war hier, mit dem charmantesten und umwerfendsten Mann im ganzen Sternensystem auf einem Date durchs All, während sie wahrscheinlich in ihrem ganzen Leben noch nie einen Fuss ausserhalb von Alpha Centauri gesetzt hatten.

»Worüber denkst du nach?«, fragte David in die Stille hinein. Ertappt strich ich mir einige Haarsträhnen hinters Ohr.

»Nichts«, sagte ich und lächelte verlegen. »Ich… ich finde es einfach nur unglaublich hier. Ich habe das Universum noch nie aus dieser Perspektive gesehen, weisst du.«

Er hob überrascht eine Augenbraue.

»Du warst noch nie in einem Raumschiff?«

»Doch, natürlich, aber nie weiter als von einem Planeten zum nächsten. Das waren keine modernen Schiffe. Die hatten nicht einmal Fenster«, sagte ich. »Das hier hingegen… Das ist einfach atemberaubend!«

Er lachte.

»Dann hätte ich dich wohl vorwarnen sollen«, meinte er.

»Vorwarnen?«, fragte ich verwirrt.

»Es wird gleich noch viel atemberaubender«, antwortete er und zwinkerte mir geheimnisvoll zu. Bevor ich nachfragen konnte, was er damit meinte, bemerkte ich, wie das Raumschiff auf einmal an Geschwindigkeit verlor. Mein Körper wurde sanft gegen die Stuhllehne gedrückt. Hinter den Fenstern rauschten anstelle des Funkeln der Sternen plötzliche wilde Farben vorbei. Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, dass wir uns in einem Wurmloch befanden.

»Wo gehen wir hin?«, wollte ich wissen.

»Wart’s nur ab«, entgegnete David, amüsiert grinsend. Ich hörte einen dumpfen Knall und realisierte, dass das Schiff nun beinahe zum Stillstand gekommen war. Von der andern Seite des Restaurants war leises Getuschel zu hören. Einige der Gäste erhoben sich sogar von den Stühlen und blickten mit offenen Mündern in unsere Richtung. Ich wandte meinen Kopf wieder dem Fenster zu. Anstelle der Dunkelheit des Alls entdeckte ich nun einen Planeten in der Ferne. Er war verblüffend klein und übersät mit seltsam geformten grünen und blauen Flecken. Ich schnappte nach Luft.

»Die Erde«, entfuhr es mir.

David nickte und grinste dabei immer noch bis über beide Ohren. Unbewusst legte ich die Hand gegen die Fensterscheibe, als könne ich den winzigen Planeten vor meinen Augen damit einfangen. Ich hatte viel von der Erde gehört – in der Schule, im Geschichtsunterricht – aber nie hätte ich gedacht, dass ich sie je einmal selbst zu Gesicht bekommen würde. Da war er nun, der blaue Planet, unsere alte Heimat, die Wiege der Menschheit. Sein Anblick verschlug mir die Sprache. Die Erde wirkte so viel kleiner, als ich sie mir vorgestellt hatte. Zerbrechlicher. Der Gedanke, dass dort, wo einmal alles Leben seinen Anfang genommen hatte, heute nichts mehr als Tod und Zerstörung herrschte, versetzte mir einen Stich ins Herzen.

»Sie ist wunderschön«, flüsterte ich.

David betrachtete die Erde gedankenverloren. Er musste sie wohl schon unzählige Male gesehen haben, aber ihr Anblick schien ihn immer noch zu faszinieren.

»Mein Grossvater hat mir oft Geschichten erzählt vom Leben dort«, sagte er plötzlich. »Meine Familie war eine der letzten, die den Planeten verlassen hat.«

»Ehrlich?«, fragte ich, den Blick nun wieder ihm zugewandt. Er nickte.

»Das Leben dort muss echt schräg gewesen sein«, sagte er und lachte. »Offenbar gab es Tiere, die sich mit ihrer Nase Essen in den Mund schieben konnten und die Menschen bewegten sich mit zweirädrigen Gestellen aus Metall von einem Ort zum andern. Kannst du dir das vorstellen?«

Nun begann auch ich zu lachen.

»Nicht wirklich«, gab ich zu. Dann wurde es wieder still zwischen uns.

»Danke«, sagte ich, als das Raumschiff sich langsam wieder in Bewegung setzte. David sah mich überrascht an.

»Wofür denn?«

»Für diesen Abend«, antwortete ich. »Er war … perfekt.«

Er lächelte, dieses wunderbare, ehrliche Lächeln mit den feinen Grübchen auf der Wange. Und dann beugte er sich nach vorne und küsste mich, während die Erde unter uns immer kleiner und kleiner wurde, bis sie schliesslich ganz verschwunden war.

Ich bin eine junge Hobby-Schriftstellerin, die den Sprung vom Schubladenroman zum veröffentlichten Buch schaffen will. Ich liebe es zu lesen, zu reisen und neue Sprachen zu lernen. Ausserdem bin ich ein untherapierbarer Serien-Junkie.