Jan Berger lag im Bett und konnte nicht schlafen. Die roten Ziffern der Digitalanzeige des Weckers auf dem Nachttisch blinkten ihm höhnisch entgegen: 1:42 Uhr.

Er drehte sich auf den Rücken und seufzte. Vielleicht half die altbewährte Methode des Schäfchenzählens. Jan schloss die Augen und stellte sich eine Wiese vor, auf der sich unzählige Schafe tummelten, die nacheinander über den Zaun zu springen begannen. Beim dreizehnten Schäfchen fragte er sich nebenbei, wohin es wohl verschwand, und ob die Anzahl der Tiere auf der Weide überhaupt zum Einschlafen reichte. Und was wäre, wenn nicht Schafe sprängen, sondern Wolken? Oder wenn die Schafe in den Himmel flögen und dort zu Wolken würden? Zufrieden merkte Jan, wie die Gedanken abdrifteten. Seine Atemzüge wurden regelmässiger. Tiefer.

Ein Geräusch liess ihn zusammenfahren. Jan riss die Augen auf und stellte fest, dass er noch immer auf dem Rücken lag. Mit angehaltenem Atem lauschte er, konnte aber nichts vernehmen, ausser gedämpften Stimmen aus der Wohnung der alten Neumeier. Ein Blick auf den Wecker verriet ihm, dass er nur knapp zwanzig Minuten geschlafen hatte.

Die Alte soll sich endlich ein beschissenes Hörgerät zulegen!

Jan drehte sich genervt auf die Seite und zog die Decke über die Ohren — oder versuchte es zumindest. Er packte sie fester und zerrte daran. Vergebens. Mit einem Seufzer tastete er nach dem Schalter der Nachttischlampe und blinzelte, als das es hell wurde. Er setzte sich auf und warf einen Blick zum Fussende, wo die Decke schräg auf dem Bett lag. Ein Zipfel hing nach unten. Mit einem erneuten Ruck riss er nochmals an ihr — und fiel nach hinten, als er dieses Mal keinen Widerstand spürte.

Mit einem Seufzen strampelte er sie mit den Beinen an ihren Platz und hob die Füsse an, damit er sie unterfalten konnte. Bevor er sie bis zum Kinn hochzog, löschte er das Licht. Er wickelte sich ein, bemüht, nicht einen Zipfel hervorschauen zu lassen. Verpackt wie eine Mumie lag er da, fühlte sich, als wäre er wieder sieben Jahre alt und musste schmunzeln.

So eingepackt dauerte es nicht lange, bis Jan erneut einnickte. Seine Gedanken wanderten zurück zur Weide. Er sah ein Schaf am Ende des Bettes stehen und ihn aus starren Augen anglotzen, während es die Decke packte und daran zog. Jans Finger waren zu langsam und zu schwach, um die Decke zu halten: Sie glitt an ihm hinab, fiel über die Bettkante und verschwand aus seinem Blickfeld.

Überrascht nahm er die plötzliche Kälte wahr. Er drehte sich zur Seite und streckte die Hand nach dem Lichtschalter aus, als ein Geräusch von Horn, das über den Holzboden schabte, an seine Ohren drang. Jan erstarrte. Erschrocken hielt er den Atem an. Unter seinem Hintern spürte er eine Bewegung durch die Matratze, so als würde sich etwas Grosses winden und drehen, und er vernahm einen schwachen Geruch von gemähtem Gras und Fäulnis.

Jan schnappte nach Luft, riss sich aus der Starre und tastete nach dem Lichtschalter. In der Hektik fegte er den Wecker vom Nachttisch, der mit einem Poltern auf den Boden fiel. Hastig drückte er den Schalter — doch das Licht blieb aus.

Mit pochendem Herzen hockte er auf, krallte sich in das Laken und beugte sich vorsichtig über den Rand des Bettes. Die Digitalanzeige flackerte und tauchte den Boden vor dem Bett in schwaches rotes Licht. Gerade, als Jan den Wecker greifen wollte, bemerkte er eine Bewegung in der Schwärze unter dem Bett. Vor Schreck fuhr er zusammen. Die Nackenhaare stellten sich auf und sein Mund war plötzlich staubtrocken.

Gelähmt beobachtete er, wie sich aus der dunklen Masse etwas löste, das entfernt an eine Hand erinnerte, und im Schein der Anzeige erkannte er die Umrisse von Klauen und zotteligen Fäden. Das Schaben wiederholte sich und er sah, wie eine zweite Hand unter dem Bett hervorkam und sich in das Gestell krallte. Er hörte das Knacken von Holz, und noch etwas anderes, ein Pfeifen oder Keuchen, so, als leide jemand an Atemnot. Der Geruch von Tier und modriger Wiese wurde so übermächtig, dass ihm der Atem stockte und Tränen in die Augen schossen.

Jan wollte sich abwenden und aufstehen, doch er konnte sich nicht rühren. Er beobachtete, wie den beiden zotteligen Armen eine Art Kopf folgte, unförmig und ohne Hals, dafür mit Hörnern, die jenen eines Widders glichen. Und mit Augen. Unzählige Augen, verteilt über das, was die Stirn sein musste, und die ihn ebenfalls rot leuchtend starr anglotzten. Ein Zittern und Knacken fuhr durch das Bettgestell, als sich das Ding wandte und drehte und sich mit unmenschlicher Anstrengung und schrecklichem Keuchen hervorarbeitete. Der Körper, der sich langsam vor Jan aufrichtete, schien nur aus Filz und Zotteln und Schwärze zu bestehen, und besass überall hornähnliche Auswüchse, gewunden, verzweigt und gesplittert. Der Geruch von Fäulnis erfüllte den ganzen Raum. Wimmernd sank Jan auf dem Bett zusammen, ein Teil seines Bewusstseins weigerte sich zu glauben, was er da sah, und versuchte, dem Traum zu entkommen. Mit aller Willensanstrengung hob er die Hand und schlug sich ins Gesicht, in der Hoffnung, endlich aufzuwachen. Doch als er die Augen wieder öffnete, stand das Ding noch immer vor ihm. Er ballte die Hand zur Faust und schlug erneut zu.

Ein Knacken ertönte und ein grässlicher Schmerz durchfuhr ihn. Er spürte, wie etwas Warmes aus der Nase lief, und als er mit der Zunge über die Lippen fuhr, schmeckte er Blut. Verwirrt hielt er inne.

Seit wann blutet man im Traum?

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Die Neugierde schlug bald in Beunruhigung und schliesslich in Angst um, und so kam es, dass es die alte Neumeier nicht mehr aushielt und ein paar Tage später wegen des überquellenden Briefkastens von Herrn Berger und des Fäulnisgeruchs im Treppenhaus endlich die Polizei rief.


Flash Fiction vom September 2016 — Schlagwort: Traumfänger — Wortanzahl: 940

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